Verletzte innere Kinder

Von Vorbildern und kleinen Helfern

Am Motiv des Drachen ansetzend stieß ich beinahe augenblicklich auf die Figur der Frau Mahlzahn, die von der Wilden 13, einer berüchtigten Bande von Seeräubern, Kinder kaufte, um sie in ihrer Drachenschule in Kummerland auf das Strengste zu unterrichten und bei den kleinsten Fehlern körperlich zu bestrafen. Ist es ein Zufall, dass der Name von Frau Mahlzahn eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Nachnamen aufweist? Ich glaube nicht an Zufälle, es sei denn man versteht Zufälle als das was uns zufällt.

Wer von uns, so fragte ich mich, hatte in seiner Kindheit und Schulzeit nicht unter selbstgerechten, herrschsüchtigen Eltern und Lehrern gelitten? Noch in meiner Generation, der ich in den 70ern aufwuchs, war der (Un-)Geist eines vermeintlichen Erziehungsbegriffs zu spüren, der sich an den Substantiven Zucht und Ordnung orientierte und dabei oft nicht anderes als Angst, Unterdrückung und Gewalt generierte. War es also ein Wunder, dass aus einem ausgegrenzten und unterdrückten kleinen Halbdrachen eines Tages ein ausgewachsener Drachen werden könnte, der eben genau das „Gelernte“ an die nächste Generation weitergeben würde? „Ein paar Schläge haben noch niemandem geschadet“, hieß es in meiner Kindheit noch ganz selbstverständlich. Ich zweifle nicht an diesem fatalen intergenerationellen Geschichtszusammenhang. „Man hands on misery to man“, textete Anne Clark in den 80ern.

Was also blieb Lukas, dem Lokomotivführer anderes übrig als die inneren Kinder mit der Hilfe seines kleinen Freundes Jim Knopf aus der Gewalt des Drachen zu befreien? Jim Knopf, der selber einmal zu dem Drachen hatte geschickt werden sollen und nur durch die Gnade der fehlerhaften Rechtschreibung statt in Kummerland auf Lummerland gelandet war, der Heimat von Lukas und seiner Lokomotive. Wenn ich es also übersetze, so komme ich in Ungefähr auf folgenden Subtext: Lukas, der starke Lokomotivführer, rettet seine verletzten inneren Kinder aus der Hand des furchterregenden Drachen. Er ist dabei zwingend auf die Hilfe eines weiteren verletzten Anteiles angewiesen: Jim Knopf. Dieser ist durch eine Besonderheit ausgezeichnet. Er ist dem Schicksal des Drachen zwar entkommen und in der fürsorglichen Obhut von Frau Waas aufgewachsen, führt jedoch eine Hypothek mit sich durch seine schwarze Hautfarbe in einer explizit bürgerlichen Welt1. Jim Knopf repräsentiert damit den anderen Helden, das andere Kind, fremdartig und zugleich seelisch doch weitestgehend intakt.2 Beide Merkmale scheinen mir Voraussetzung zu sein, damit er seinem erwachsenen Persönlichkeitsanteil zur Seite stehen kann. Das Fremdartige befähigt ihn zu Empathie und Einfühlsamkeit: nur wer selbst Verletzung und Ausgrenzung erfahren hat, scheint auch in der Lage zu sein, Empathie geben zu können. Emotionale Stabilität, wie sie sich durch das Gefühl des Angenommenseins ergibt, dagegen ist eine wichtige Voraussetzung, um den tiefen schmerzlichen Gefühlen entgegenzutreten können, die uns im Laufe der Reise zu uns selbst unweigerlich begegnen werden.

Der Aufbruch

Diese Reise zu uns selbst hat üblicherweise ein Vehikel. Es beschreibt wie wir uns in der Welt bewegen. In der Traumdeutung, die C. G. Jung mit seinen Klienten vornahm, taucht an einer entsprechenden Sequenz eines Traumes eine Lokomotive auf, die aus einem Bahnhof ausfahrend in einer S-Kurve entgleist, während der Träumende atemlos vom Gleis aus zusieht, weil er seinen Zug verpasst hatte. Jung interpretierte diese Szene sinngemäß dementsprechend, dass der Träumende aufgrund seines übermäßigen Ehrgeizes sein Leben hatte entgleisen lassen und nun machtlos zusehen musste. Auch Lukas und Jim also sind mit einer Lokomotive auf der Reise ihres Lebens unterwegs und bezeichnenderweise beginnt der erste Band damit, dass die kleine Insel Lummerland zu klein wird für einen Heranwachsenden. Eigentlich ist es Lukas mit seiner Lokomotive Emma, der von seinem schläfrigen König gefragt wird, ob er sich vorstellen könne, seine Lokomotive aufzugeben, damit weiterhin alle Beteiligten auf der Insel Platz haben. Was aber ist ein Mensch ohne sein seelisches Fortbewegungsmittel, ohne die Möglichkeit, psychischen Fortschritt zu machen? Diese Frage stellt sich letztlich auch Lukas und er beschließt die alte Welt, die ihm zu klein geworden ist, zu verlassen. Jim geht mit ihm, weil er sich nicht vorstellen kann, ohne seinen erwachsenen Freund zu leben. (Auch ich kann mir dies für mein Leben nicht mehr vorstellen. Das gilt aber auch umgekehrt: ein Leben ohne meinen kindlichen Anteil erschien mir nie wirklich sinnvoll.)

Dazu müssen die eingefahrenen Gleise verlassen werden und Emma wird seefest gemacht, damit die Reisenden auf ihr segeln können. Sie begeben sich auf den schaukelnden Untergrund des Meeres und Wasser steht in der symbolischen Sprache der Kabbala und der ihr vorausgehenden altägyptischen Mythologie für die Sprache der Gefühle, des Fließen Lassens. Die beschauliche Welt einer liebenswerten aber ängstlichen und womöglich etwas begriffsstutzigen Frau Waas, des verschlafenen Königs Alfons des Viertel vor Zwölften und des etwas steifen Untertan Herr Ärmel wird verlassen, um, und das wird sich erst später zeigen, die Rätsel der eigenen Herkunft zu lüften. Auf ihrer Reise kommen sie in eine fremdartige neue Welt und begegnen in Mandala dem Phänomen der Kindeskinder und wie manche von ihnen ihr Leben lang an einer immer feiner werdenden Elfenbeinkugel schnitzen, deren Wert unbezahlbar ist; ein erneuter Verweis auf die intergenerationelle Verstricktheit unserer Biographie und die verschiedenen Schichten, die es zu durchleben gilt. Hier erhalten sie auch den Auftrag die entführten Kinder aus der Hand des Drachen zu retten.

Über Engstellen und Trugbilder

Auf dem Weg dorthin müssen sie das „Tal der Dämmerung“ passieren. Es ist eine Engstelle, wie sie an bestimmten Stellen des psychonautischen Prozesses unweigerlich auftauchen, gefährlich aber alternativlos zu passieren, will man auf der Reise weiterkommen. Hier wird jedes gesagte Wort, das kleinste Geräusch von den dicht gegenüberstehenden Hängen des hohen Gebirges, dem „Dach der Welt“, als ein Echo wiedergegeben, welches sich aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten verstärkt, so dass sie bei ihrer Fahrt mit der rumpelnden Lokomotive einen derartigen Lärm verursachen, dass sie hinter sich einen Felssturz verursachen, welcher ihnen den Rückweg versperrt. Ähnliches lässt sich über manche Stellen des therapeutischen Prozesses sagen, an denen jedes Wort, jede Erinnerung lauter und lauter zu werden scheinen, unerträglich, bis sie in den Ohren dröhnen und einen zu erschlagen drohen. So ist es nicht verwunderlich, dass Emma aufgrund der rasanten Geschwindigkeit mit der sie durch das Tal rasen, um dem Felssturz zu entkommen, defekt wird und in der Wüste, am anderen Ende des Tals zerlegt werden muss. Alles Knowhow über Lokomotiven hilft Lukas hier nicht weiter, -man könnte sagen: jeder intellektuelle Ansatz versagt -; es ist das Kind, das unter Lebensgefahr durch den Wassertank tauchen muss, um die letzte Schraube zu lösen. Wichtig erscheint mir hierbei: das Wasser kann aufgrund des Wassermangels in der Wüste nicht einfach abgelassen und ersetzt werden; das Kind muss zwingend durch seine Gefühle tauchen. Dadurch rettet es das Leben der Helden in einer Wüste, in der sie eine Weile ohne zusätzliches Wasser werden auskommen müssen.

Hier treffen sie auch auf den unglücklichen Herrn Tur Tur, den Scheinriesen, vor dem sich alle ob seiner vermeintlichen Riesenhaftigkeit fürchten, und der doch so gerne unter Menschen wären. Um sich der Furcht seiner Mitmenschen nicht auszusetzen hat er sich in die Abgeschiedenheit der Wüste begeben. Von ihm wird noch später zu erzählen sein. Vorerst rettet er die beiden Helden vor den Fata Morganen, den Trugbildern der Wüste und weist ihnen den Weg durch das „Tor zur Hölle“, einem unvergleichlich dunklen und eisigen Weg, den sie letztendlich nur passieren zu vermögen, weil der Dampf ihrer Lokomotive in der Kälte Schnee erzeugt, welcher ihnen den Weg am Abgrund vorbei weist. Es ist die Bewegung und die Wärme des eigenen Vehikels, die sie in der dunkelsten Nacht den Weg finden lässt. Ich glaube, wer einmal den Weg tiefer psychischer Prozesse durchlebt hat, kann dieses Bild erst in seiner Gänze nachempfinden.

Verwandlungen

Hier nun, im Drachenland angekommen, lernen sie auch Nepomuk kennen. Die Verwebung zwischen dem kleinen unglücklichen Halbdrachen, der von den echten reinrassigen Drachen verachtet und ausgegrenzt wird und seinen schrecklichen „Vorbildern“, wie es die Figur der Frau Mahlzahn darstellt, scheint auf der Hand zu liegen; wir können schließlich nur das werden, was wir in unserer Welt lernen. Alles was er bisher gelernt hatte, ist Furcht und Verachtung und er gibt sein Bestes, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Die Drachenstadt ist laut und stinkt und ihre Bewohner sind den lieben langen Tag damit beschäftigt sich zu ärgern und gegenseitig zu beschimpfen; beinahe also ganz so, wie wir es aus unseren Städten kennen. Nepomuk aber merkt instinktiv, dass dies nicht seinem Wesen entspricht, dass er kein „echter“ Drache ist. Als Jim und Lukas nun auftauchen, um seinen Vulkan zu reparieren, erkennt er, wie wertvoll es ist, als der angenommen zu werden, der er ist; endlich also, so könnte man sagen geliebt zu werden um seiner selbst willen. Kurz gesagt: er lernt die Freundschaft kennen und verrät deshalb seine eigenen Artgenossen, indem er unseren Helden den Weg zu Frau Mahlzahn weist.

Frau Mahlzahn schließlich erweist sich als sadistische Lehrerin in ihrer Drachenschule, die den kleinsten Fehler ihrer Eleven mit brutaler Züchtigung bestraft. Selbst Li Si, die nie einen Fehler macht, bleibt davon nicht verschont, eben weil sie den Drachen mit ihrer Unfehlbarkeit reizt. Ich stelle mir vor, dass alle Menschen der sogenannten westlichen Hemisphäre in ihrer Kindheit auf derart verbitterte und verhärtete Lehrer- und „Vorbild“-Figuren getroffen sein müssen und entsprechende psychische und womöglich auch physische Gewalt-Erfahrungen durchgemacht haben. Jim aber stellt sich dem Drachen und lässt sich von ihm durch das Klassenzimmer jagen, während Lukas mit seiner als Drachen verkleideten Lokomotive Emma ihn von hinten überfällt und sie den Drachen so zu besiegen vermögen. Entscheidend ist, dass sie den Drachen nicht töten, sondern zusammen mit den Kindern nach Ping zum Kaiser von Mandala bringen. Nur deshalb kann er sich im zweiten Band in den „Goldenen Drachen der Weisheit“ verwandeln. Nur wenn wir unsere Schatten zu verwandeln vermögen, anstatt sie bloß zu negieren3, können sie zu unseren mächtigsten Verbündeten werden.

1 Ich erinnere mich, als Kind ausgesprochen unaufgeregt bzw. gar nicht auf diesen Umstand reagiert zu haben. Ich nahm es zur Kenntnis. Später erst wurde mir der unterschwellige Rassismus bewusst, -nicht zuletzt mein eigener-, dem Menschen anderer Hautfarbe in Deutschland auch heute noch, erst recht jedoch in den 70er, 80er und 90er Jahren ausgesetzt waren. Ein Freund von mir, dessen Vater ein afro-amerikanischer GI war, z.B. wurde oft gefragt, wo er denn herkomme. Aus Bockenau hat er dann wahrheitsgemäß geantwortet. Und wann er wieder nach Hause führe. Er sagte dann meistens, dass er vermutlich den Bus um viertel nach Fünf nähme, der sei nicht so voll. Was hätte er auch anderes antworten sollen, er hatte in seinem Leben nie woanders als in dem kleinen Ort nahe Bad Kreuznach gewohnt?

2 Es ist in der jüngeren Vergangenheit anscheinend viel über den Vorwurf des vermeintlichen Rassismus gegenüber dem Werk diskutiert worden, der sich im Wesentlichen doch an der Verwendung des N-Wortes durch eine Roman-Figur aufzuhängen scheint. Schließlich lässt sich das Wort nicht wegdiskutieren und ich möchte es auch nicht, verweise jedoch auf den zeitlichen Rahmen, in dem es nun einmal zwar immer noch einen rassistischen Kontext aufweist, jedoch den leider üblichen Gepflogenheiten dieser Zeit entsprechend. Wesentlich schwerer für mich wiegt jedoch die Tatsache, dass hier ein Held afrikanischer Herkunft meines Wissens nach das erste Mal im deutschsprachigen Raum die Bühne der Kinder-Literatur betritt und damit einer gewissen Normalität den Boden bereitet.

3 Was im Übrigen auf der ganzen Welt nicht funktioniert. Dinge verschwinden nicht einfach. Nach dem Gesetz der Erhaltung der Masse und der Energie wandeln sie ihre Formen. Das gilt auch für die Psyche: verletzte innere Kinder und Drachen, die negiert werden verwandeln sich in noch untergründigere, dafür umso tobendere Monster.

2 Kommentare
  1. André
    André sagte:

    Lieber Daniel,
    als ehemaliger Mitbewohner der Osteinstraße (dort lebte ich von 2005 bis 2008) freut es mich, dass Du Deine philosophischen und heilkundlichen Fähigkeiten entfalten kannst.
    Ich studierte in Darmstadt Pflegewissenschaft und bin nun, eher ungeplant, im Dissertationsprozess. Also auch auf einer Reise und hoffe im Herbst promoviert zu werden.
    Vielleicht schlage ich mal wieder im RheinMainGebiet auf.
    Vielen Dank für den schönen Text und Bonne Chance für Dich und Deine Praxis!
    Viele Grüße
    André

    Antworten
    • _daniel
      _daniel sagte:

      Hallo André,

      leider habe ich deinen Kommentar heute erst entdeckt, sonst hätte ich mich schon mal gemeldet. Vielen Dank für Dein Feedback. Es freut mich, dass Du anscheinend so erfolgreich in Deinem Studiengang und ich wünsche Dir hierbei viel Erfolg.

      Liebe Grüße

      Daniel

      Antworten

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